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Sind Winterreifen Plicht und andere Autoreifen Myten

Der Mythos über die strikte Pflicht, im Winter mit Winterreifen fahren zu müssen, hält sich nach wie vor hartnäckig in den Köpfen. Wir möchten hiermit versuchen, etwas Klarheit in die gesamte Thematik „Winterreifen“ zu bringen.


Von „O. bis O.“ herrscht in Deutschland Winterreifenpflicht

Gemeint ist damit die kalte Jahreszeit von Oktober bis Ostern. Dieser Spruch mit den beiden „Os“ hat sich geradezu ins gesamtdeutsche Gedächtnis eingebohrt. So etwas passiert immer dann, wenn es sich um eine Eselsbrücke handelt, unabhängig davon, wie hoch der Wahrheitsgehalt derselben ist. In Wahrheit gibt es in Deutschland keine allgemeine Winterreifenpflicht.

Aber das Aufziehen von Winterreifen für die kalte Periode vom Herbst bis zum Frühling wird unbedingt empfohlen. Zu bedenken ist dabei, dass das Wetter nicht immer macht, was der Kalender sagt. Es kann noch im Mai zu Frosteinbrüchen kommen und der Dezember kann mild und sonnig ausfallen. Daher ist es nicht der Name des Monats, der nach den Winterreifen verlangt, sondern es sind immer und jedes Jahr ganz individuell die Wetterverhältnisse auf unseren Straßen.

Es ist auf jeden Fall zu spät, die Winterreifen erst dann aufzuziehen, wenn bereits Schnee fällt. In Deutschland gilt die „situative Winterreifenpflicht“. Das bedeutet, dass bei Glätte, Schnee oder Eis nur derjenige fahren darf, wer Winterreifen an seinem Auto vorweisen kann. Wer in einer solchen Wettersituation mit Sommerreifen unterwegs ist, kann mit einem Bußgeld in Höhe von 60 Euro und einem Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei geahndet werden. Schlimmer schlägt dieses Fehlverhalten dann zu Buche, wenn man andere Verkehrsteilnehmer aufgrund seiner unangemessenen Reifen behindert, gefährdet oder gar verletzt hat.


Winterreifen

Winterreifen ©iStockphoto/AGrigorjeva

Wohl dem, der es sich frei aussuchen kann, ob er das Auto nimmt oder eben nicht, weil die Arbeitsstätte beispielsweise auch mit der Straßenbahn oder in akzeptabler Zeit zu Fuß erreichbar ist. Dies bedeutet, dass man das eigene Fahrzeug bei gefährlicher Glätte stehen lassen kann und so einen Unfall sicher vermeiden kann. Damit möchten wir darauf hinweisen, dass an einem Fahrzeug, das an eisglatten Tagen nicht bewegt wird, die Sommerreifen nicht gewechselt werden müssen. Sie können also während eines tief verschneiten Winters mit Sommerreifen auf dem Parkplatz stehen. Und an milden, trockenen Wintertagen bieten rollende Sommerreifen praktisch die gleiche Verkehrssicherheit wie Winterreifen. Das ist auch dem Gesetzgeber bekannt.

Da es aber in unserem Lebensalltag nicht immer möglich ist, die Entscheidung für die Benutzung des Autos ausschließlich dem Wetterfrosch zu überlassen, ist es grundsätzlich ratsam, dann so langsam die Winterreifen aufzuziehen, wenn die Außentemperaturen nachhaltig unter plus sieben Grad Celsius absinken, da sich bei niedrigen Temperaturen der Gummi der Sommerreifen immer mehr verhärtet. Der Gummi der Winterreifen hat dagegen die besondere Eigenschaft, auch bei Frost weich zu bleiben, was die Haftung der Reifen an der Fahrbahn deutlich erhöht und dadurch den Bremsweg verkürzt.

So ist Ärger bei Sommerreifen im Winter geradezu vorprogrammiert, denn die Versicherungen stufen dies als „grobe Fahrlässigkeit“ ein mit der Folge, dass der Unfallverursacher, und das ist im Winter ganz automatisch derjenige mit den Sommerreifen, sämtliche Kosten allein tragen muss.

Winterreifen sind mit „M+S“ gekennzeichnet!

Ja, die Anfangsbuchstaben M+S kürzen „Matsch & Schnee“ ab, aber es handelt sich nicht um ein geschütztes Zeichen, das heißt, jeder kann das so nach Belieben auf seinen Reifen anbringen. Daher sollten Sie beim Reifenkauf lieber auf das Symbol mit dem dreizackigen Berg und der Schneeflocke („Three.Peak.Mountain.Snowflake“) achten, denn diese Kennzeichnung erhalten nur getestete Reifen, die hinsichtlich ihres Verhaltens bei Glätte für gut befunden worden sind.

Derartige Reifentests haben übrigens ergeben, dass die Räder mit dem etwas besseren Reifenpaar (Profil) an die Hinterachse geschraubt werden sollten. Zwar sind bei Aquaplaning gute Vorderreifen von Vorteil, aber beim Spurwechsel verlagern sich die größeren Querkräfte eher auf die hintere Achse, was schließlich zum Schleudern oder Ausbrechen des Fahrzeugs führen kann.

Winterreifen sind laut und erhöhen den Kraftstoffverbrauch

Das stimmt so nicht, denn jene Zeiten, als sich die Winterreifen noch durch eine deutlich sichtbare Grobstolligkeit auszeichneten, sind schon lange vorbei. Die modernen Winterreifen mit ihrer relativ weichen Gummimischung weisen an ihrer Oberfläche meistens Lamellen auf, die der Profilgestaltung bei Sommerreifen durchaus sehr ähnlich sind. Die Stiftung Warentest veröffentlicht zu diesem Thema jedes Jahr die neuesten Testergebnisse.

Unter anderem durch die laute Stollendecke mit ihrem hohen Rollreibungswiderstand haben die Fahrzeuge früher mit Winterreifen tatsächlich deutlich mehr Kraftstoff verbraucht. Heute befindet sich die Rollreibung der Winterreifen auf fast dem gleichen Niveau wie jener der Sommerbereifung. Hauptverantwortlich für einen zu hohen Kraftstoffverbrauch ist dagegen in erster Linie die persönliche Fahrweise. Viele hohe Beschleunigungen im Verein mit massiven Bremsvorgängen sind nicht nur „Spritfresser“, diese Fahrweise nutzt auch die Sommer- und Winterreifen über die Maßen ab und erfordert deutlich mehr kostenintensive Wartungen und Reparaturen am Fahrzeug.

Winterreifen sind langsamer

Auch dieser Mythos gehört der Vergangenheit an, eben jener Zeit, als die harten, grobstolligen Winterreifen bei hohen Geschwindigkeiten extrem viel Energie zur Erzeugung der Schallwellen abzogen. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit orientiert sich heute nicht (mehr) daran, ob das Fahrzeug eine Sommer- oder Winterbereifung hat, wohl aber ganz allgemein am Reifenmodell. Bei modernen Reifen werden die Geschwindigkeitsgruppen unterschieden. Wie schnell Sie tatsächlich mit Ihren Reifen fahren dürfen, können Sie an dem „Geschwindigkeitsindex“, der an der Reifenflanke angebracht ist, erkennen:

T steht für maximal 190 km/h
U für maximal 200 km/h
V für maximal 240 km/h
Y für maximal 300 km/h

Dabei gilt die einfache Regel, dass besonders günstige Reifen tendenziell eher nicht so hohe Geschwindigkeiten erlauben, was plausibel ist, müssen doch die hohen Zentrifugalkräfte durch eine besonders gewissenhafte Konstruktion und Bauweise des Reifens kompensiert werden.

Darf man Winterreifen nur bei Eis und Schnee verwenden?

Im Prinzip können Sie jeden Tag rund ums Jahr mit Winterreifen fahren. Der relativ hohe Kautschukanteil macht die Winterreifen weicher und griffiger. Bei hohen Temperaturen leiten sich daraus aber Nachteile ab. Der Abrieb ist dann enorm hoch, sodass ihre Winterreifen kaum eine Saison durchhalten. Die übermäßige Weichheit bei Hitze kann hinsichtlich des Bremsweges oder der Haftung auf der Straße sogar gefährlich werden.

Wenn Sie im Sommer in Italien mit Winterreifen der Klassen L bis Q fahren, kann es Ihnen sogar passieren, dass Sie ein Bußgeld zahlen müssen. Noch gibt es in Deutschland keine solche Regelung. Dennoch kann man in diesem Fall sagen, dass der Mythos vom Verbot von Winterreifen im Sommer zum Teil eine Berechtigung hat.

1,6 Millimeter Profiltiefe reichen aus

Tatsächlich ist dieses Mindestmaß für Sommer- und Winterreifen vom Gesetzgeber (noch) vorgeschrieben. Das wird sehr wahrscheinlich so nicht bleiben, denn der ADAC empfiehlt inzwischen mindestens vier Millimeter Profiltiefe. Gerade bei Winterreifen, die sich deutlich schneller abnutzen, verlieren die für die Straßenhaftung so wichtigen Lamellen rasch ihre Profiltiefe und kommen auch schon bei 1,6 Millimetern an ihre Leistungsgrenze.

Zum Testen der Reifenprofile gibt es spezielle Reifenprofilmesser. Es eignet sich dafür aber auch eine Ein-Euro-Münze, da ihr goldener Rand exakt drei Millimeter misst. Man steckt dazu die Münze ungefähr in Reifenmitte in das Profil. Wenn der goldene Rand der Münze vollständig im Profil verschwindet, ist der Reifen noch gut. Manchmal sind die Reifen ungleichmäßig abgefahren. In einem solchen Fall sollte der Test vor allem an jenen Stellen erfolgen, wo das Profil deutlicher abgefahren ist. Tatsächlich ist immer die Profiltiefe das entscheidende Qualitäts- und Sicherheitskriterium, nicht so sehr das Alter der Reifen. Wenn keine Schäden oder Risse an profilstarken Reifen erkennbar sind, wird der TÜV das Reifenalter nicht bemängeln.

Dennoch wird die regelmäßige Neuanschaffung aller vier Reifen dringend empfohlen. Allerspätestens sollten nach zehn Jahren neue Reifen aufgezogen werden, besser ist es, dies nach jeweils sechs Jahren zu tun, wobei der Zyklus selbstverständlich von der Fahrweise und der jährlichen Kilometerleistung abhängt. Fakt ist, dass sich die Eigenschaften des Gummis mit der Zeit verändern, und zwar nicht zum Vorteil für die Verkehrssicherheit. Eine Ausnahme hiervon darf höchstens bei den historischen Weißwandreifen eines Oldtimers gemacht werden, der nur einmal im Jahr an einem behäbigen Oldtimer-Treffen teilnimmt.

Das Alter eines Reifens können Sie am „DOT-Code“ ablesen, der sich auf der Reifenseite befindet. Diese Buchstaben- und Ziffernfolge beginnt mit DOT („Department of Transportation“ des US-Ministeriums für Verkehr), das von vier Zahlen, die die Kalenderwoche und das Jahr der Herstellung angeben, gefolgt wird. Zum Beispiel könnte „DOT1109“ auf Ihrem Reifen aufgedruckt sein. Dies würde bedeuten, dass der Reifen in einer Märzwoche im Jahre 2009 hergestellt wurde.